8.3


8.3
  Wenn ein Wort gebildet wird, dann hat es in der Regel zunächst eine systematische Bedeutung oder Bildungsbedeutung, d.h. seine Bedeutung kann aus der Bedeutung der Elemente und der Kenntnis der Funktion der Fügungsregeln erschlossen werden. Wenn Sie z.B. das Wort Fensterreiniger zum ersten Mal hören, dann können Sie die (systematische) Bedeutung erschließen aus Ihrer Kenntnis von Fenster, reinigen und Ihrer Kenntnis des Wortbildungstyps der Nomina agentis und Nomina instrumentalia auf -er sowie der Möglichkeit, bei solchen Nomina das Objekt der Handlung als Kompositionsglied anzufügen; also: »jemand, der Fenster reinigt« oder »etwas, womit man Fenster reinigt«. Die meisten Wörter entwickeln aber nach einiger Zeit Besonderheiten, die nicht mehr aus den Bestandteilen erschlossen werden können. Ein Maikäfer z.B. ist nicht mehr einfach ein Käfer, den man im Mai vorfinden kann, sondern ein ganz bestimmter Käfer (auch wenn man ihn im April oder Juni findet), und andere Käfer, die man im Mai finden kann, nennen wir nicht so. Diese Art der Differenzierung nennt man Polarisierung. Die Bedeutung solcher Wörter muß man irgendwann lernen, sie sind lexikalisiert (wenn man nur speziell die Weiterentwicklung der Bedeutung meint, sagt man auch idiomatisiert oder ohne geschichtliche Deutung idiomatisch). Zu den Besonderheiten der Bedeutung gehört auch, daß sie individuelle oder stilistische Bewertungen entwickeln, die mit der Bedeutung selbst nichts zu tun haben (so hat etwa das Wort Führer aus geschichtlichen Gründen für uns einen negativen Beiklang). Soll auf solche Besonderheiten hingewiesen werden, so unterscheidet man zwischen der Denotation (der Bedeutung im eigentlichen Sinn) und der Konnotation (dem Beiklang, den Assoziationen).

Etymologisches Wörterbuch der deutschen sprache. 2013.